Alltag in Novaesium
Dicht daneben befindet sich der Treffpunkt einer berittenen Reisegruppe, die von der gegenüberliegenden Rheinseite - aus Germanien - z. B. aus dem waldreichen Bergland, das sich über die Rheinebene erhebt, zu Besuch nach Novaesium gekommen ist, um sich hier wieder einmal allgemein umzusehen um Tauschhandel zu treiben, vielleicht auch um Verwandte zu besuchen oder sich über die Voraussetzungen für die Zuwanderung zu erkundigen. Den Rastplatz am Rande des Kastells umgeben zerfallende Mauerreste, die einst zu den Innenbauten der ehemaligen Legionsfestung gehört haben. (Bild 23) Das Land verfügt über wichtige Rohstoffe: Holz und Naturstein, die sich hervorragend zur Weiterverarbeitung eignen. Deshalb haben sich auch in Novaesium entsprechend ausgebildete Handwerker angesiedelt. Das Rohmaterial für die Holzbearbeitung kann aus dem dicht bewaldeten Hinterland beschafft werden. Ochsengespanne transportieren schwere Eichen-, Eschenoder Buchenstämme in das Sägewerk.
Mit Hilfe großer Rahmensägen werden in Handarbeit aus den Rundhölzern alle Arten von Bohlen und Brettern, Balken oder Leisten geschnitten und für die Weiterverwendung oder den Verkauf auch als Bauholz - hergestellt und gelagert. Andere Schnitthölzer werden für die Herstellung von Kleinmöbeln, für Tische, Hocker oder Regale vorbereitet. Besonders widerstandsfähige Holzarten werden in der angegliederten Stellmacherei zu Rädern und Radscheiben verarbeitet. Dort werden auch alle Arten von Fahrzeugen hergestellt oder repariert. (Bild 24) In dem benachbarten Steinmetzbetrieb werden große Steinblöcke mit Pendelsägen zunächst in handliche Werkstücke zerlegt, aus denen dann die Steinmetzgesellen kunstvolle Bauteile: Rundsäulen, Kapitelle, Gesimse sowie Tür- und Fenstergewände fertigen. Besondere Kunstfertigkeit wird jedoch von den Bildhauern bei der Bearbeitung von Werkstücken verlangt, die zu Weihealtären oder zu Grabsteinen gestaltet werden sollen. Sie arbeiten deshalb in einer abgetrennten Werkstatt, wo den Wünschen der Auftraggeber durch individuelle Farbgebung und Inschriften weitgehend entsprochen werden kann. (Bild 25)


Wie und wo die von den Bildhauern gestalteten Weihe- Steine und - Altäre an Ort und Stelle zu Geltung kommen, zeigt sich in dem kleinen Tempelbezirk (Bild 26 ).
Abseits vom lärmenden Tagesgeschehen können hier die zahlreichen einheimischen oder fremdländischen Gottheiten verehrt werden. Ihnen werden je nach dem gegebenen Anlaß Blumen, Trank- oder Tieropfer dargebracht, z. B. aus Dankbarkeit oder mit der Bitte um Schutz und Segen in kommenden Zeiten.
In einem durch eine niedrige Mauer eingefriedeten Bereich, der besonders ins Auge fällt, befindet sich ein in Niedergermanien weitverbreiteter „Umgangstempel“, dessen Gestalt sich aus keltischen und römischen Bauformen entwickelt hat. (Bild 27) Als Zeichen der Verehrung einheimischer Muttergottheiten, lat. matronae, ist dort im Freien und vor alten Bäumen ein Matronenkultbild aufgestellt. Es bildet den Mittelpunkt einer bescheidenen Blüten- und Blumenprozession, an der sich ausschließlich Frauen und Kinder beteiligen.


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