Alltag in Novaesium
DOCH WAS IST AUS DEM FRIEDLICHEN ZUSAMMENLEBEN GEWORDEN UND WAS IST VON NOVAESIUM GEBLIEBEN?
Aus dem jahrzehntelangen kulturellen und wirtschaftlichen Nebeneinander und Miteinander unter dem Schutz des „Römischen Friedens” ergeben sich sozialpolitische wie auch militärpolitische Probleme. Es entstehen mit der Zeit unzählige dauerhafte und feste Beziehungen mit eheähnlichem Charakter zwischen Soldaten aller Dienstgrade und der heranwachsenden weiblichen Bevölkerung.
Die Soldaten werden somit - nach heutiger Wortbedeutung - zu „Bürgern in Uniform“. Das Kastell wiederum bleibt auf die Dauer keine Kaserne mehr, kein abgeschlossener Militärbereich mit Ghetto- Wirkung, zumal später im Verlaufe von Reformen einem Teil der Soldaten sogar das Wohnen außerhalb des Kastells erlaubt wird. Damit öffnet es „weitgehend“ seine Tore und wird fester Bestandteil und Schwerpunkt dieses Kleinzentrums Novaesium, das sich zu einer gewachsenen Ansiedlung mit geordneten Quartieren und einem gegliederten Straßennetz herausbildet.
Die in der Armee verankerten Familien entwickeln sich andererseits zum festen Bestandteil einer romanisierten halbmilitärischen Bevölkerungsgruppe, die eine wichtige Grundlage für den Rekruten- Nachwuchs darstellt. Und sie gewährleistet außerdem noch einen stabilen Faktor für die dauerhafte Entwicklung der Grenzprovinzen.
Im täglichen Miteinander wie im äußeren Erscheinungsbild sind demzufolge Kastell und Zivilsiedlung im Verlaufe von zweihundert Jahren baulich so zusammengewachsen, daß sie siedlungspolitisch eine Einheit bilden. Deshalb werden sie schließlich auch weit und breit unter der einheitlichen und gleichen Ortsbezeichnung „Novaesium“ registriert.
Letztendlich hat diese enge Verknüpfung freilich zur Folge, daß sie als „Einheit“ das gleiche unbarmherzige Schicksal erleiden, als der gesamte „Limes“ an Altersschwäche zugrunde geht.
Denn als die germanisch- fränkischen Eroberer im 3. Jahrhundert - erstmals versuchsweise plündernd- und später im 4. Jahrhundert endgültig mit Eroberungsabsicht über die Rheingrenze hinweg nach Westen vorstoßen und dabei die befestigten Limesbauten zerstören, werden auch die mit den Kastellen zu einer Einheit zusammengewachsenen Zivilsiedlungen ausgeplündert und als potentielle Widerstandsnester in Schutt und Asche gelegt, in Novaesium ebenso wie in Durnomagus, Gelduba, Asciburgium und zahlreichen Kleinkastellen am Niederrhein.
Als das Auxiliarkastell und die Zivilsiedlung, die sich im Endstadium auf eine Fläche von etwa 75 ha ausgedehnt hatten, - im wörtlichen Sinne wie auch in der Wirklichkeit - gemeinsam untergehen, fliehen die mit dem Leben davon gekommenen Bewohner und suchen Zuflucht in benachbarten Ansiedlungen, die der Zerstörung verschont bleiben. Novaesium jedoch wird eine Wüstung!
Bauliche Überreste und kulturelle Zeugnisse werden vom Brandschutt überdeckt, unter Trümmern begraben. Auf der Erdoberfläche wird später das etwa noch geeignete Baumaterial an anderer Stelle wieder verwendet. Auf diese Weise werden alle sichtbaren Spuren getilgt.
Das zeitweilige Trümmerfeld wird Brachland, Ackerfläche und Bauland über Jahrhunderte hinweg, bis es in der Neuzeit schließlich vollständig überbaut wird.
Demzufolge kann der historische Zustand von Novaesium - ganz oder in Teilbereichen - weder andeutungsweise noch als Anschauungsbeispiel dem interessierten Betrachter auch nicht mehr an Ort und Stelle vor Augen geführt werden.
Hilfsweise soll jedoch nun wenigstens das der Wirklichkeit nachempfundene Modell - Diorama in einem verkleinerten Maßstab die notwendige Anschaulichkeit einer kulturellen Vergangenheit vermitteln, von der jegliches Geschichtsbewußtsein lebt.
Von dem unglücklichen Schicksal der vollständigen Zerstörung und des „Untergangs“ dieses Teiles der Besiedelung von Novaesium ist dagegen die andere, in etwa 1,6 km Entfernung in nordwestlicher Richtung auf einer kleinen Anhöhe an einem Rheinarm gelegene zivile, d. h. militärisch unbedeutende Handwerker-, Fischer-, Schiffer- und Kaufleute - Siedlung, die in Merowingischer Zeit mit der Bezeichnung „Nivisium“ erwähnt wird, offenkundig weitgehend verschont geblieben.
Und diesem Umstand ist es wohl zu verdanken, daß aus jener zweiten „Keimzelle” die heutige Stadt Neuss entstehen konnte.
Doch das ist ein anderes Kapitel der Stadtgeschichte.
Neuss, im Oktober 1999 Der Verfasser
LITERATURNACHWEIS
- Baatz, D. „Der Römische Limes zwischen Rhein und Donau“ Gebr. Mann Verlag, Berlin 1993
- Bechert, T./ Williams, W. „Die Römische Reichsgrenze” - (zwischen Mosel und Nordseeküste), K. Theiss - Verlag, Stuttgart 1995
- Horn, H. G. „Die Römer in Nordrhein- Westfalen”, K. Theiss- Verlag, Stuttgart 1987
- Johnson, A. „Römische Kastellen” (des 1. u. 2. Jahrh. n. Chr. in Britannien und den Germ. Prov. des Römerreiches) Verlag Philipp v. Zabern, Mainz 1990
- Junkelmann, M. „Die Legionen des Augustus“, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz 1986
- Junkelmann, M. „Die Reiter Roms” (Bd. I bis III) Verlag Philipp v. Zabern, Mainz 1990, 1991 u. 1992
- Junkelmann, M. „Panis militaris“ (Die Ernährung des röm. Soldaten, oder: der Grundstoff der Macht) Verlag Philipp v. Zabern, Mainz 1997
- Kühlborn, J. S. „Germaniam pacavi”, Landschafts- Verband Westfalen- Lippe 1995
- Pörtner, R. „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“ (Moewig- Sachbuch) Econ- Verlag Düsseldorf/ Wien 1959
- Sölter, W. (Herausgeber) „Das römische Germanien aus der Luft“ Gustav Lübbe Verlag, Bergisch- Gladbach 1981
- Schmid, A. u. R. „Die Römer an Rhein und Main“ (Reihe: Bastei- Lübbe- Geschichte), Societätsverlag Frankfurt / M. 1972
- Ternes, Charles- Marie „Römisches Deutschland - Aspekte seiner Geschichte und Kultur, Reclam Verlag Stuttgart 1986
- Landsch. Verb. Westfalen- Lippe (Herausgeber:) „2000 Jahre Römer in Westfalen”, Verlag Philipp v. Zabern, Mainz 1989(?)
- Stadt Neuss (Herausgeber): „Das römische Neuss” K. Theiss Verlag Stuttgart 1984
- Stadt Neuss (Herausgeber): „Neuss im Wandel der Zeiten“ Gesellschaft f. Buchdruckerei Neuss 1969
- Stadt Neuss (Herausgebe): „Römer in Neuss - 2000 Jahre Römer am Rhein”, Materialsammlung zur Geschichte von Novaesium von Dr. H. Gilliam m. Beiträgen von P. Stenmans und Dr .M. Tauch - Neuss 1983
- Conolly, P. „Ein römischer Reiter“ Tessloff- Verlag, Nürnberg 1990
- Conolly, P. „The Roman Fort” Oxford University Press 1991
- Giesler, F. „Römer in Zinn” Rheinland- Verlag GmbH. Köln 1992 (dort auch: Herausgeber- und Typenverzeichnis und Hinweise auf weitere Zinnfiguren- Sachbücher)
Bildnachweis
- Bild 1: Fundstellen im „Römischen Neuss” – aus dem Faltblatt des Verkehrsvereins Neuss eV., 1996;
- Bild: 27; 33; 34: Hanna Quentin, Neuss; Alle sonstigen Bilder: Aufnahmen des Verfassers;
- Titelbild: Ausschnitt: Forum und Kastell aus dem Modell- Diorama
- Rückseite: Legionär bei der „Putz- und Flickstunde”

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