Alltag in Novaesium
VON DER LEGIONSFESTUNG ZUM AUXILIAR- KASTELL
In der Landschaft dominieren zur Zeit
der Eroberungsfeldzüge die Lagerfestungen mit ihren Außenanlagen.
Die Militärs bestimmen, wo Freiflächen offen zu halten sind und wie die Verkehrswege verlaufen.
Die zivilen Ansiedlungen haben sich den militärischen Erfordernissen unterzuordnen. Die einheimische
Bevölkerung wird auf „Distanz“ gehalten. Verbrüderungen sind unerwünscht. Der unvermeidliche „Troß“,
den jeder größere Truppenverband nach sich zieht, lebt behelfsmäßig untergebracht in einfachen Hütten
oder Holzhäusern, die planlos in respektvollem Abstand zum Militärbereich an oder neben den Zugangsstraßen
aufgereiht sind. Sie bilden das „Lagerdorf“, die canabae.
Eine entscheidende Änderung in dieser baulichen Zuordnung vollzieht sich jedoch, als gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Festung NOVAESIUM aufgegeben wird. Die hier zuletzt stationierte VI. Legion bezieht einen neuen Standort und rückt ab. Ein großer Teil der mit den aktiven Legionären verbundenen Troßweiber, der nicht seßhaften Händler, Marketender und „Animateure“ folgt ihr. Dagegen bleiben die „Ehemaligen“, d. h. die nach zwanzig und mehr Dienstjahren vom Militär entlassenen „Veteranen“, die inzwischen hier heimisch geworden sind, mit ihren Familien in Novaesium zurück, insbesondere wenn sie hier eine dauernde Existenzgrundlage oder sogar Grundeigentum.
Die Festung steht vorübergehend ganz oder teilweise leer, bis eine neue Truppe eingewiesen wird. Denn im Zuge der Neuordnung der Grenzbefestigung und der Errichtung des „niedergermanischen Limes“ sollen hier wie auch in den unmittelbar benachbarten Standorten künftig Hilfstruppeneinheiten, die ehemals den Legionen angegliedert waren, die Grenzsicherung übernehmen. Es sind dies Infanterie- oder Kavallerie- Formationen mit einer Sollstärke von 500 oder 1000 Mann. Es gibt jedoch auch gemischte Truppenteile, bei denen nur ein Teil der Soldaten beritten ist.
Das ehemalige Festungsareal in Novaesium beträgt ca. 25 ha und ist deshalb für die neue Einheit viel zu groß. Die Festung wird deshalb „aufgelassen“, d. h. sie wird wesentlich verkleinert. Nach und nach werden die bestehenden Mauern, Tore und Türme abgebrochen und die Festungsgräben zugeschüttet. Auch die massiven Innenbauten, soweit sie von der neuen Besatzung nicht benötigt werden oder im Wege stehen, werden beseitigt.
Auf einer etwa 3,2 ha großen Teilfläche entsteht sodann eine wesentlich kleinere Kasernenanlage aus Steinbauten, für die nach Möglichkeit das verfügbare Abbruchmaterial wiederverwendet wird. Der neue Bautyp ist ein nach bewährtem Planschema errichtetes Kastell. Aus der Größe der Baufläche ist zu schließen, daß als Besatzung entweder ein Kontingent eines Reiterregiments, einer Ala, oder ein gemischter Verband im neuen Kastell NOVAESIUM seine Garnison erhält.
Der Name, die Waffengattung und die Herkunft dieser Einheit sind nicht überliefert; sie hat sich bisher auch nicht durch archäologische Belege eindeutig verewigt. Als Glied einer Kette von gleichartigen Kastellbauten in der unmittelbaren Nachbarschaft, z. B. in Durnomagus (Dormagen), Gelduba (Gellep) und Asciburgium (Asberg), hat diese unbekannte Hilfstruppe die Aufgabe, im Bereich des Kastells Novaesium die künftige Reichsgrenze am Niederrhein den Zielsetzungen der römischen Friedenspolitik entsprechend (Pax Romana) langfristig zu sichern und zu verteidigen.
Zur Versorgung der Armee und zu ihrer Rekrutierung bedarf es einer dauerhaften wirtschaftlichen und logistischen Grundlage bei gleichzeitiger Entwicklung des Gemeinwesens und der Zivilverwaltung. Die Voraussetzungen dafür sind hier im Siedlungsgebiet von Novaesium außerordentlich günstig. Denn nach dem Abbruch der Legionsfestung stehen umfangreiche und bereits erschlossene Bauflächen für die Ansiedlung von Zuwanderern, für Handwerk und Gewerbe in großem Umfang zur Verfügung. Die Versorgung mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist durch die im Umland vorhandenen und neu einzurichtende Gutshöfe (Villae Rusticae) sowie durch eine Vielzahl einheimischer Bauernhöfe bestens gewährleistet.
Deshalb entsteht hier bald - wie in anderen Siedlungsgebieten am Limes - in der engen Nachbarschaft zum Kastell NOVAESIUM eine unbefestigte gleichnamige Zivilsiedlung von dorfähnlichem Charakter (Vicus).
Doch dabei bleibt es nicht!
Im Verlaufe von mehreren Jahrzehnten und mit dem Ableben mehrerer Generationen sowie als Folge der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung wächst dieses Novaesium - vom römischen Einfluß gesteuert - unter dem sicheren Schutz der Pax Romana, bevölkert von Soldaten, Veteranen, Handwerkern, Kaufleuten, Künstlern und ihren Familien zu einer ausgedehnten Ansiedlung heran, die nach heutigem Vokabular die Einstufung als Kleinzentrum verdient.
Das während der „Blütezeit“ nach und nach bebaute Siedlungsgebiet zwischen Erftmündung und Meertal wächst, wie durch die zahlreichen Fundstellen belegt wird, schließlich auf eine Fläche von mehr als 75 ha an. Es ist damit dreimal so groß wie der Parcours auf der heutigen Rennbahn von Neuss am Obertor.

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