Rundgang durch 2000 Jahre Neuss
Eine jähe Zäsur brachten die Folgen der Französischen Revolution von 1789. Am 4. Oktober 1794 erschien die Vorhut des republikanischen Heeres unter Führung des Generals Bernadotte vor den Toren von Neuss. Huldigungen, Aufrichten eines Freiheitsbaumes, Hissen der Trikolore, aber auch Widerstand im Untergrund: Es wurde manches anders, auch positiver. Die neue Gerichtsverfassung und die Vereinheitlichung des Rechts waren Errungenschaften, die in der nachfolgenden preußischen Zeit beibehalten wurden. Unbestreitbar ist die wirtschaftliche Besserung, von der Neuss in jenen Jahren profitierte. Sie wurde begleitet von der Ansiedlung protestantischer Unternehmer aus dem Bergischen. Die Gewerbefreiheit lockte, die günstige Lage bot Standortvorteile, das in der Verfassung verankerte Recht der freien Religionsausübung sorgte für eine geistig?geistliche Heimat, in der auch schließlich die wachsende jüdische Gemeinde einen Platz fand. Nach dem Sturz Napoleons erfolgte auf dem Wiener Kongress die Neuordnung der politischen Verhältnisse Europas. Ein Ergebnis war, dass die Rheinlande 1815 dem Königreich Preußen zugesprochen wurden. Dominierte zunächst im Neusser Stadtbild noch biedermeierliche Beschaulichkeit, so brachte doch der Abriss der einengenden Stadtmauer Luft und mehr Platz für neue Straßenzüge. Die Stadt erweiterte sich und fand durch den beharrlich vorangetriebenen Hafenausbau wieder Zugang zum Rhein. Industrie siedelte sich an, konstant mehrte sich die Einwohnerzahl. Zukunftssicher und mit berechtigtem Stolz auf die erreichten Leistungen feierte man in Neuss die Jahrhundertwende. Da unterbrach 1914 der Beginn des ersten Weltkrieges die so hoffnungsvollen Entwicklungen. Der zunehmende Mangel an Lebensmitteln, das Kriegsende mit nachfolgender Inflation und schlimme Jahre wirtschaftlicher Not brachten weite Kreise der Bevölkerung in arge Bedrängnis. Immerhin entwickelten sich beachtliche Leistungen im Wohnungs? und Siedlungsbau, die zum Teil heute noch einzelne Stadtteile prägen. Das breite Spektrum umfasst den Bauhausstil ebenso wie historisierende oder expressionistische Tendenzen.
Abermals kam mit 1933 eine Zäsur, in deren Folge der zweite Weltkrieg das Neusser Stadtbild entscheidend veränderte. 1939, bei Ausbruch des Krieges, zählte Neuss 17 296 Wohnungen, bei Kriegsende 1945 waren nur noch 453 unbeschädigt. Wiederaufbau und Stadtplanung galten von den historischen Gebäuden abgesehen ?zunächst mehr den Außenbezirken. Die in zwei Jahrzehnten von 60 000 auf fast 120 000 Einwohner gewachsene Stadt, bedingt durch den Zustrom der Ostvertriebenen direkt nach dem Kriege, später der Flüchtlinge aus der DDR und der Gastarbeiter, musste dringend mit Wohnraum auf neuen Siedlungsflächen versorgt werden. Eine Entspannung des Siedlungsdruckes brachte die kommunale Neugliederung 1975 mit einer flächenmäßigen Verdoppelung des Stadtgebietes durch die Eingemeindung einiger Gemeinden mit insgesamt etwa 30 000 zusätzlichen Einwohnern.
Durch die Ausweisung entsprechender Gewerbegebiete und den Ausbau des Hafens konnte auch die Wirtschaftskraft der Stadt mit dieser Entwicklung Schritt halten. Sie bildete die finanzielle Basis für den Bau entsprechender Bildungs und Sozialeinrichtungen, Freizeit und Verkehrsanlagen. Zusammenhängende Grünflächen gliedern das Stadtgebiet in überschaubare Stadtteile mit eigenständigen Bürgerinitiativen. So feiert in den Sommermonaten an fast jedem Wochenende ein anderer Stadtteil "sein" Schützenfest. Das viertägige Schützenfest der Innenstadt Ende August mit über 5 000 Musikern, Marschierern und Reitern ist der Höhepunkt des Neusser Jahres mit einer Zeitrechnung vor die Tage und nach die Tage.
Mit der Stagnation der Einwohnerzahl zu Beginn der siebziger Jahre konzentrierte sich die Planung und der Einsatz der Finanzmittel auf den Stadtkern, der mehr und mehr attraktiver wurde. Durch die Erhaltung des mittelalterlichen Straßengefüges in der Altstadt und die Unterschutzstellung erhalten gebliebener Wohnviertel des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurden Maßstäbe für die Wohnungsneubauten gesetzt, die nach Verlagerung störender Gewerbebetriebe aus der Kernstadt auch innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern entstanden. Diese für das Bild der Innenstadt wesentliche Maßstäblichkeit konnte mit wenigen Ausnahmen eingehalten werden. Pulsierendes Leben erfüllt die Fußgängerzonen, deren Achse der Hauptstraßenzug bildet. Er erschloss schon zur Römerzeit und im Mittelalter den Stadtkern.
Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dr. Max Tauch für die Veröffentlichung im Neusser Marktplatz.

Seite drucken